Titel zum Elisabethjahr 2007

Audienz bei Napoleon

Der Kaiser empfängt große Geister

Treffen von Goethe und Napoleon am 2. Oktober 1808 im Audienzzimmer des Kaiserlichen Palais, Stadtarchiv Erfurt

Die erste Begegnung in Erfurt mit einem großen Gelehrten dürfte Napoleon nicht gefallen haben. Bei seinem ersten Besuch in der Stadt am 23. Juli 1807 bestellt er den berühmten Naturwissenschaftler und Professor der Universität Erfurt Johann Bartholomäus Trommsdorff ein, den Vater der wissenschaftlichen Pharmazie. Dreimal richtet er die immer gleiche Frage an ihn, wer der größte Chemiker der Gegenwart sei. Trommsdorff antwortet dem Kaiser scharf: „Seitdem die Revolution dem großen Lavoisier das Haupt abgeschlagen hat, hat die Chemie ihr Haupt verloren.“ Zornig wegen der Antwort und mit einem vernichtenden Blick schwingt sich Napoleon auf sein Pferd und verlässt die Stadt. Dem „Erfurter Fürstenkongress“ 1808 verleiht Napoleon u. a. dadurch Glanz und öffentliche Ausstrahlung, dass er fast regelmäßig Empfänge im Kaiserlichen Palast gibt und dazu gezielt auch große Geister einlädt. Am 2. Oktober kommt es zur Begegnung mit Johann Wolfgang Goethe, dem Weimarischen Geheimen Rat, im „Nebenberuf“ Dichter und Weltbürger. Das Gespräch findet im Salon „Chambre d’ Audience“, dem Audienz- bzw. Erkerzimmer statt. In dem einstündigen Gespräch geht es um persönliche Belange, Fragen der Literatur und des französischen Theaters. Beide Gesprächspartner sind voneinander beeindruckt. Napoleon verabschiedet sich mit den Worten: „Vous êtes un homme!“ Für den 10. Oktober erhält der berühmte Gelehrte Christoph Martin Wieland eine Einladung Napoleons, der ihn als deutschen Voltaire hoch schätzt. Das Gespräch verläuft recht einseitig, Napoleon stellt nur einige belanglose Fragen. Dennoch misst der Kaiser den Gesprächen mit den beiden großen Geistern enorme Bedeutung bei, weil sie Einfluss ausüben auf das Denken und Handeln der Menschen. Als Zeichen der Anerkennung wird Goethe und Wieland das Großkreuz der Ehrenlegion von Napoleon verliehen.